Nassos Daphnis - ein Leben für die Kunst und die Päonien
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Nassos Daphnis - der Päonienzüchter inmitten der Päonien in der Gratwick Nursery in Pavilion, N.Y., wo er alle seine Kreuzungen durchführte. Foto: Nassos Daphnis |
Nassos Daphnis - der Maler in seinem Atelier in New York City mit Walter Good (links) und Don Hollingsworth (rechts) Foto: Lavon Hollingsworth |
Nachdem die Baumpäonien jahrzehntelang aus der Mode gekommen waren, herrscht nun seit einigen Jahren in Europa ein regelrechter Baumpäonienboom. Dieser Boom hat allerdings einen Schönheitsfehler: So schön es ist, dass sich die Gartenfreunde wieder vermehrt mit diesem König (oder dieser Königin) der Blumen befassen, um so bedauerlicher ist es, dass der Markt von Billigangeboten aus Japan und Holland überschwemmt wird. In vielen Gartencentern sind Baumpäonien billig, aber nur nach Farben geordnet erhältlich. In der Regel handelt es sich dabei um irgendwelche japanische Sorten oder aber um irgendwelche Sämlinge. Dies mag dem durchschnittlichen Gartenbesitzer, der einfach eine schön rot, weiss oder rosa blühende Baumpäonie in seinem Garten haben möchte, genügen. Der echte Päonienfreund aber, der ganz bestimmte Sorten wie z.B. die rosafarbene 'Shintenchi' mit der dunklen Samenkapsel oder die mit einer ebenfalls beinahe schwarzen Kapsel weiss blühende 'Shimane Hakugan' kultivieren möchte, ist davon nicht befriedigt.
Da die amerikanischen Lutea-Hybriden (Kreuzungen zwischen Paeonia lutea [und Paeonia delavayi] und japanischen Paeonia suffruticosa, in der Folge Moutan genannt), in Europa kaum erhältlich und ausserdem z.T. sehr teuer sind, wundert es nicht, dass diese Schöpfungen amerikanischer Kreuzungskunst in den europäischen Gärten so selten sind. Das vorliegende Porträt des griechisch-amerikanischen Päonienzüchters Nassos Daphnis möchte den Lesern die Schöpfungen eines der bedeutendsten amerikanischen Päonienzüchters näherbringen und zur Verbreitung der Lutea-Hybriden in Europa beitragen.
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Japanische Moutan oder Paeonia suffruticosa (Polleneltern) Foto: Walter Good |
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Paeonia lutea (Sameneltern) Foto: Prof. Gian Lupo Osti, Rom, aufgenommen am Wildstandort in China |
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Paeonia delavayi (Sameneltern) Foto: Walter Good |
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Lutea-Hybride (Paeonia 'Hephestos'), BC1 Foto: Nassos Daphnis |
Dieser Beitrag geht bewusst ins Detail, um dem interessierten Päonienliebhaber u.a. einen Einblick in die praktische Züchtungsarbeit zu geben. So sind zu den einzelnen Sorten immer die jeweiligen Elternsorten angegeben (Mutterpflanze x Vaterpflanze). Vielleicht wird der eine oder andere Päonienfreund durch diesen Beitrag dazu motiviert, selber in seinem Garten Kreuzungen auszuprobieren. Dabei ist zu beachten, dass die Fertilität mit zunehmendem Moutan-Anteil grösser wird, d.h. dass BC1-, BC2-Kreuzungen viel fertiler sind als die ersten F1-Kreuzungen.
Vom Peloponnes an den Hudson River
1930, mitten in der grossen Weltwirtschaftskrise, landete ein 16jähriger griechischer Junge in New York. Der Vater, der schon früher ausgewandert und bereits Amerikaner geworden war, liess in dieser schwierigen Zeit seine Familie aus Griechenland in die USA nachkommen. Während der zweiwöchigen Wartezeit auf das Schiff, das die Familie Daphnis von Athen in die USA bringen sollte, kam der junge Nassos Daphnis zum ersten Mal mit den antiken Bauwerken und in Museen mit der Kunst in Berührung. Seine Leidenschaft für Kunst und Malerei war damit geweckt. Wie viele seiner Zeitgenossen, die in das "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" auswanderten, hoffte der am 23. Juli 1914, kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges in dem kleinen Dorf Krockeai in Lakedeimon in der Nähe von Sparta geborene junge Grieche, in Amerika sein Glück zu machen.
Der Sohn eines griechischen Bauern, der von Haus auf eng mit der Natur verbunden war, hatte von seinem Vater bereits die Technik des Pfropfens von Oliven- und Pfirsichbäumen gelernt. Als 7jähriger Junge begleitete er seinen Vater in dessen Baumgarten und wunderte sich, dass die Bäume nur einerlei Früchte trugen. Da ihm sein Vater nicht erklären konnte, warum auf einem Baum nur Äpfel, Birnen oder Oliven usw. wachsen können, lernte er die Kunst des Pfropfens und versuchte, Apfelreiser auf Birnenunterlagen usw. zu pfropfen, was ihm natürlich nicht gelang. So beschränkte er sich darauf, die Kultursorten der jeweiligen Baumarten auf die entsprechenden wilden Unterlagen zu pfropfen.
In der grossen Metropole an Amerikas Ostküste trat er in den Blumenladen seines Onkels ein, wo er seinen Lebensunterhalt verdiente. In den folgenden acht Jahren arbeitete Nassos Daphnis in diesem Blumenladen und wurde vertraut mit der Welt der Blumen. Der junge Grieche in New York beschränkte sich aber nicht darauf, sich im Blumenladen seines Onkels seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sondern fing auch noch zu malen an. Autodidaktisch brachte er sich die Technik des Malens bei und begann in naiver Art und Weise Landschaften und Blumen zu malen.
Erste Begegnung mit den Baumpäonien
Über die Malerei führte ihn nach seinen Worten das Schicksal zu den Baumpäonien. 1938 stellte er seine Bilder in der Contemporary Arts Gallery in New York aus. Sein Freund Stephen Bourgeois, ein Kunsthistoriker, lud zu dieser Ausstellung das Ehepaar Gratwick ein. William Gratwick war ein bekannter Päonienzüchter. Er forderte den jungen Nassos Daphnis auf, seine Päonienfarm in Pavilion, einem kleinen Städtchen im Norden des Staates New York, zu besuchen. Eine Einladung, die der junge Maler nur zu gerne annahm. Im Frühjahr 1939 war es soweit. Nach einer langen Autofahrt erblickte er zum ersten Mal zahlreiche japanische Baumpäonien in voller Blüte.
46 Jahre später, 1984, beschrieb er seine erste Begegnung mit Baumpäonien:
... In jenen Tagen (1938) dauerte die Fahrt von New York nach Pavilion mindestens zehn Stunden. Ich kam spät abends an, so dass ich erst am nächsten Morgen die Umgebung erkunden konnte. Bill Gratwick und ich schlenderten die lange Fahrstrasse entlang, als mir die unglaublichen Farben der in Reihen blühenden Baumpäonien den Atem verschlugen. |
Daphnis' erster Gedanke war, die Schönheit und Eleganz dieser nie zuvor gesehenen Blüten in Bildern festzuhalten:
Als Maler war mein erster Gedanke, die Schönheit und Eleganz dieser Blumen in Bildern einzufangen. In dieser Zeit wuchsen in der Gratwick Nursery etwa 110 verschiedene Baumpäonien, jede von ihnen ausgelesen auf Grund ihres schönen Blütenaufbaus, ihrer Blütenform und -farbe, ihres Laubes und ihrer Stiele. Ich malte einige dieser Baumpäonien als Einzelbilder oder in Arrangements. Jedes Jahr kam ich im Frühling zurück zur Gratwick Nursery, um Baumpäonien zu malen, bis ich 1942 zur Armee eingezogen wurde... |
1945 kehrte Daphnis aus dem Krieg, in dem er ganz Italien von Süden nach Norden durchquert hatte, wieder nach New York zurück. Im Frühjahr 1946 ist er erneut bei Gratwick anzutreffen, aber jetzt ist in ihm der Wunsch erwacht, Baumpäonien nicht nur zu malen, sondern auch selbst neue Blüten zu kreieren.
Die züchterische Basis
Eine 50 Jahre dauernde intensive Zuchtarbeit begann. Nassos Daphnis wollte wie seine Vorgänger, die beiden französischen Pioniere Victor Lemoine und Louis Henry sowie Prof. Saunders, in der Zucht von Lutea-Hybriden die Schönheit der aus Japan übernommenen Moutan-Formen mit der Vitalität und den Farben von Paeonia lutea und Paeonia delavayi verbinden. Den beiden französischen Pionieren stand allerdings nicht die grosse genetische Vielfalt an Elternpflanzen zur Verfügung, wie sie Daphnis in der Gratwick Nursery vorfand. Sie verwendeten Pollen von gefüllten, damals in Frankreich vorhandenen schweren chinesischen Moutan-Formen und als Elternpflanzen die wenigen, erst seit kurzem blühenden Exemplare von Paeonia lutea, deren Blütenstengel oftmals schwach waren und deren Blüten tief im Laub hingen, "negative" Eigenschaften, die auch die von ihnen abstammenden ersten Hybriden wie z.B.
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'Chromatella' |
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'Alice Harding' |
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'Madame Louis' |
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'Souvenir du Prof. Maxime Cornu' |
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'L'Espérance' und |
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'La Lorraine' |
aufweisen. Ich setze das Wort negativ deshalb in Anführungszeichen, weil diese prächtigen Gartenpflanzen nur richtig gepflanzt werden müssen, um gut zur Geltung zu kommen. Am schönsten sind sie nämlich an leicht erhöhten Standorten wie z.B. auf kleinen Hügeln oder auf Terrassen. Hier kann der Betrachter von unten die Schönheit dieser historischen Lutea-Hybriden aus Frankreich geniessen.
Es ist interessant zu wissen, dass diese ersten Lutea-Hybriden aus Frankreich in Japan unter folgenden japanischen Namen verkauft werden:
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'Kinshi' |
('Chromatella') |
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'Kinkoku' |
('Alice Harding') |
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'Kinkaku' |
('Souvenir du Prof. Maxime Cornu') |
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'Kintei' |
('L'Espérance') |
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'Kinyou' |
('La Lorraine') |
Das ist nicht unproblematisch, führt es doch dazu, dass diese Pflanzen unter verschiedenen Namen im Handel sind und der Käufer dadurch nicht weiss, was er kauft. Das gleiche passierte schon viel früher. Die englische Firma Kelway führte chinesische Kultivare von Paeonia lactiflora nach Europa ein und verkaufte sie unter englischen Namen. Dasselbe soll jetzt wieder in den USA geschehen, wo aus China importierte Strauchpäonien unter amerikanischen Namen in den Handel gelangen.
Korrekt wäre es, Pflanzen mit japanischen und chinesischen Namen unter ihren Originalnamen zu verkaufen und eine entsprechende Übersetzung anzufügen, wie es die Firma Golden Port International, 3675 Scotts Mill Run Duluth, GA 30096, in den USA praktiziert, die auf chinesische Baum- und Staudenpäonien spezialisiert ist.
Prof. Saunders, der die Arbeit der beiden erwähnten französischen Pioniere als erster in den USA weiterführte, schrieb 1943 über diese ersten französischen Lutea-Hybriden:
"In Südchina existiert eine weitere wilde Strauchpäonie, die kurz vor 1890 in Kultur genommen wurde. Sie bringt kleine Blumen hervor, die in der goldgelben Farbe des Hahnenfusses blühen und wird Paeonia lutea genannt. Daneben existiert noch eine nah verwandte Art, Paeonia delavayi, die stark mahagonirote Blüten hervorbringt. Sobald die ersten kleinen Pflänzchen, die in Frankreich aus Samen gezogen wurden, blühten, begann der grosse Lemoine sie mit chinesischen Paeonia suffruticosa zu kreuzen. Die Resultate dieser Kreuzungen erschienen einige Jahre später als eine grosse neue Rasse von grossblumigen Päonien, in deren Blüten die Farbe Gelb dominiert. 'L'Espérance', 'La Lorraine', 'Souvenir de Maxime Cornu'. Dies waren die ersten Sorten, die dem Publikum präsentiert wurden. Diese Pflanzen eröffneten neue Perspektiven in der Zucht der Päonien. Lemoine hat seine Zuchtarbeit weiter fortgeführt und seit 1906 ungefähr ein Dutzend auffallende Neuheiten hervorgebracht. Trotz der aufregenden Möglichkeiten, die diese Kreuzungsart bietet, ist Lemoine der einzige geblieben, der sie in Europa weitergeführt hat. Alle seine Züchtungen sind in meinem Garten zu finden. |
Aus: "Tree peonies, an exciting adventure, A.P. Saunders, Bulletin of the APS, No. 92, December 1943
Vor diesem Hintergrund begann Nassos Daphnis seine langjährige Zuchtarbeit mit Baumpäonien in der Gratwick Nursery in Pavilion, wo er einen grossen genetischen Pool von Kulturformen der Moutan, hauptsächlich japanischer Herkunft, und eine Menge Pflanzen von Paeonia lutea vorfand. Er wählte als Polleneltern schöne Moutan-Formen von brillanter Blütenfarbe und vollkommener Blütenform, schönem Laub und schönem Gesamthabitus. Um die Fehler seiner französischen Vorgänger nicht zu wiederholen, selektierte er als Sameneltern aus den vorhandenen Paeonia lutea-Formen solche mit besonders schöner Farbe und möglichst starken Stielen. Ebenso schaute er darauf, als Polleneltern nicht allzuschwere gefüllte Formen zu verwenden, um zu verhindern, dass die erzielten Hybriden ins Laub hängende Blüten aufweisen. Da die Erfahrungen seiner Vorgänger in der Zucht von Lutea-Hybriden zeigten, dass der Pollen der Moutan die Blüten der Paeonia lutea viel besser befruchtet als umgekehrt und ausserdem die Formen der Moutan in der Regel früher blühen als Paeonia lutea und Paeonia delavayi, begann er damit, Blüten von Paeonia lutea mit Pollen von Moutan-Formen zu bestäuben.
Ein Blick auf die praktische Arbeit des Kreuzens
An dieser Stelle ist es nötig, einen Blick auf die technische Seite des Kreuzens von Baumpäonien zu werfen. Daphnis erntet als erstes den Pollen der ausgewählten Moutan-Pflanzen. Der geerntete Pollen wird getrocknet, damit er konserviert und keimfähig bleibt. Dazu gibt es verschiedene Methoden. Nassos Daphnis trocknet den Pollen mit Hilfe einer Wärmelampe und bewahrt ihn in einem verschlossenen Behälter auf. Wenn die Blüten der Mutterpflanzen kurz vor der Blüte stehen, werden die Petalen der sich öffnenden Knospen und die noch geschlossenen Antheren (Staubblätter) sorgfältig entfernt. Übrig bleiben von der Blütenknospe lediglich der Fruchtknoten und der Stempel. Dieser ist in diesem Stadium aber noch nicht für den Pollen empfängnisbereit, weshalb er mit einem Beutel abgedeckt wird, um eine mögliche Fremdbestäubung durch Bienen zu verhindern. Zwei bis drei Tage später ist der Stempel fähig, den Pollen zu empfangen, was sich darin äussert, dass er feucht wird und eine Flüssigkeit absondert, die es den Pollenkörnern erlaubt, auszukeimen und die Befruchtung der Eizellen im Innern des Fruchtblattes zu vollziehen. Die mit dem Pollen der ausgewählten Vaterpflanzen bestäubte Narbe wird anschliessend wieder mit dem Beutel abgedeckt. Warmes Wetter begünstigt die Befruchtung und den Samenansatz, während kühles und regnerisches Wetter einen ungünstigen Einfluss ausübt. Der Züchter muss nun nur noch warten, bis - so hofft er - im September die Samen ausgereift sind. Sobald sich die Samenkapseln der Mutterpflanze zu öffnen beginnen, werden die Samen geerntet. Nassos Daphnis desinfiziert sie zuerst mit einem Fungizid und legt sie anschliessend in einen kleinen, luftdicht verschlossenen Plastiksack mit feuchtem Sand, den er bei Zimmertemperatur zwei bis drei Monate lang aufbewahrt. Anschliessend werden die Plastikbeutel während weiteren zwei bis drei Monaten im Kühlschrank gelagert, wo die Samen dann zu keimen beginnen, d.h. zuerst die Wurzeln austreiben. Wenn im März die ersten Blättchen der Sämlinge erscheinen, werden diese in einzelne Töpfe pikiert. Nassos Daphnis achtet darauf, dass er das junge Pflänzchen so pflanzt, dass das nach der Keimung noch vorhandene Samenkorn mit den beiden Keimblättern, die dem jungen Keimling die erste Nahrung liefern, leicht über der Erdoberfläche zu liegen kommt, damit er es später abschneiden kann, da es offenbar leicht von Pilzen befallen wird, was zur Folge hat, dass die ganze Pflanze abstirbt.
Wirft man ein Auge auf die Vorgänge in der Natur, so spielen sich im wesentlichen die gleichen Vorgänge ab: Nach der Samenreife fallen die Samen auf die Erde, erleben hier eine Wärmeperiode, die meistens mit spätsommerlichen und herbstlichen Regen verbunden ist. In der anschliessenden winterlichen Kälteperiode keimen die Samen und treiben im Frühjahr die ersten Blättchen aus. Wer in seinem Garten an den Strauchpäonien die Samen ausreifen lässt, findet in den folgenden Jahren im Umkreis der Pflanzen oft kleine Sämlinge. Besonders häufig geschieht dies bei Paeonia lutea und Paeonia delavayi. Eine mir bekannte Dame besitzt ein ganzes Beet von Paeonia delavayi, in dem Dutzende von Sämlingen aufgehen.
Der Züchter und Philosoph
Dies sind aber bloss die technischen Aspekte von Daphnis' 50jähriger Zuchtarbeit. Die Kenntnisse der biologischen Vorgänge, der genetischen Zusammenhänge und des praktischen Vorgehens bei der Zuchtarbeit sind für ihn nur die handwerklichen Voraussetzungen für seine Zuchtarbeit. Ebenso wichtig ist für ihn der philosophische und kulturelle Hintergrund seiner Arbeit. In seinem Atelier am West Broadway erlebte ich inmitten von Bildern, Malerutensilien usw. einige wunderbare Stunden mit einem Mann, dem es gelang, Schönheit nicht nur mit Farben und Pinsel auszudrücken, sondern sie auch in seinen lebenden Päonien aufleuchten zu lassen. Nassos Daphnis ist nicht vom falschen Ehrgeiz mancher Züchter besessen, neue ungewöhnliche und spektakuläre Blüten hervorzubringen (z.B. blaue Rosen), die nur zu oft fragwürdige Karikaturen der ursprünglichen Schöpfungen der Natur sind. Er begnügte sich, in seiner Arbeit als Züchter die ursprüngliche Harmonie und Geometrie oder Ordnung der Päonienblüten zu vervollkommnen. Seine Blüten sollen im Betrachter Ruhe, Glück und eine tiefe Befriedigung auslösen. Ein Sinn für diese Schönheit muss allerdings im Betrachter selber schon vorhanden sein, sonst könnte er diese gar nicht erkennen.
Hier gilt Goethes berühmter Satz:
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"Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt' es nie erblicken..." |
Nassos Daphnis meint, dass die grösste Befriedigung des Züchters darin besteht, Schönheit zu kreieren. Schönheit, die allerdings im Einklang mit der Natur stehen muss, denn nur eine solche strahlt Ruhe und Glück aus und überträgt sie auch auf den Betrachter. Eine Pflanze ist dann wirklich schön, wenn nichts diese Harmonie stört. In diesem Sinne muss ein Züchter seine Schöpfungen auch ganzheitlich betrachten, d.h., er darf nicht nur die Schönheit der Blüte im Auge haben, er muss die ganze Pflanze, Habitus, Laub, Aufbau usw., beurteilen. Vielleicht wirkt hier noch das Schlüsselerlebnis des kleinen Bauernjungen in Griechenland nach, der feststellen musste, dass er nicht verschiedene Obstarten auf die gleiche Unterlage pfropfen konnte, sondern sich an die Gesetze der Natur halten musste.
Das Schönheitsideal von Harmonie, Geometrie und Symmetrie einer Blüte enthält auch die Beziehung der Umgebung zum Zentrum: Die Petalen kreisen um das Zentrum der Blüte. Dieses Zentrum ist das Wichtigste der Pflanze, dient es doch der Fortpflanzung und damit der Lebenserhaltung. Alle Züchtungen von Nassos Daphnis weisen ein schönes Zentrum auf, das harmonisch von Petalen umgeben ist. Diese Bedeutung des Zentrums oder der Mitte kommt auch in seiner Kunst zum Ausdruck. Alle seine Werke kreisen um ein festes Zentrum.
Ich habe Nassos Daphnis als einen bescheidenen Mann erlebt, der aus seinen Züchtungen keinen grossen kommerziellen Nutzen zog, getreu seiner Philosophie, dass die grösste Befriedigung des Züchters darin besteht, Schönheit zu kreieren, die die Menschen erfreut. Im Laufe seines langen Lebens zog er neben seiner Arbeit als Maler über 500 Sämlinge auf, von denen er lediglich etwa 50 als Namensorten registrieren liess. An seine Kreationen stellt er sehr hohe Ansprüche. Wenn er eine Pflanze als Namensorte registrieren liess, musste sie nicht nur seinen Vorstellungen von natürlicher Harmonie und Geometrie (oder Symmetrie) genügen, sie musste auch etwas wirklich Neues sein.
Die Namen der Daphnis-Hybriden
Wenn Nassos Daphnis einer neuen Züchtung einen Namen gab, so musste dieser Name mit der Blüte in Einklang stehen:
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In seiner Schöpfung 'Gauguin' leuchten dem Betrachter die kräftigen Farben des französischen Malers Paul Gauguin entgegen wie hier auf dem Gemälde "Contes barbares", 1902
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Paeonia 'Gauguin' (Lutea Hybride) Foto: Nassos Daphnis |
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'Demetra' symbolisiert mit ihren satt goldgelb gefärbten, rot umrandeten Petalen die Fruchtbarkeit der griechischen Göttin der Erde, Demetra.
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Paeonia 'Demetra' (Lutea Hybride) Foto: Nassos Daphnis
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Dagegen kommt in den weich hellgelb gefärbten, beinahe durchsichtigen Petalen von 'Persephone' die Zartheit und Jungfräulichkeit von Demetras Tochter Persephone zum Ausdruck.
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Paeonia 'Persephone' (Lutea Hybride) Foto: Nassos Daphnis |
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In 'Redon' treten uns die kräftigen Pastelltöne der Blumengemälde ( hier "Vase mit Blumen") des Malers Odilon Redon entgegen. Die riesigen Blüten blühen entweder in einem blassen, bläulich überhauchten Rosa oder pfirsichfarben an der gleichen Pflanze.
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Paeonia 'Redon' (Lutea Hybride) Foto: Nassos Daphnis |
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In kräftig dunkelrot gefärbten Blüten erscheint uns Hephaistos, der griechische Gott des Feuers und der Schmiede. Inmitten der gefüllten dunkelroten Blüte leuchtet das gelbe Zentrum der goldenen Staubgefässe auf. 'Hephestos' ist eine wahre Spitzensorte! |
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Paeonia 'Hephestos' (Lutea Hybride) Foto:Walter Good |
Die verschiedenen Daphnis-Hybriden
Seine erste erfolgreiche Kreuzung, die er 1946 vornahm, blühte zehn Jahre später zum ersten Mal in einem schönen Pink. Leider starb die Pflanze nach der ersten Blüte. In den ersten Jahren erhielt er von seinen Kreuzungen jeweils nur 5 bis 20 Samen pro Jahr. Dies ist nicht verwunderlich, lassen sich doch die Moutan und Paeonia lutea nicht leicht miteinander kreuzen. Von diesen Sämlingen der ersten Jahre überlebten nur wenige die ersten acht bis zehn Jahre, die es braucht, um eine erwachsene Baumpäonie so weit heranzuziehen, bis sich ihre Blüte stabilisiert hat.
Die Züchtungen, die nach Figuren aus der griechischen Mythologie benannt sind, werden begleitet von einem Zitat aus der klassischen Literatur. Ein Link führt zu einer entsprechenden antiken Darstellung (schwarz-weiss).