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Die Päonien in der Kunst |
Ein lebensgrosses Baumpäonien-Bild des chinesischen Malers Yun Shou-p'ing aus der Ch'ing Dynastie
von Dr. Iris Burgdorfer-Elles, Zürich
Die Baumpäonie wird in Asien seit bald 1800 Jahren kultiviert. Zuerst als Medizinalpflanze genutzt, fand sie bald als Zierpflanze Eingang in die Gärten und wurde ein beliebter Gegenstand der altchinesischen Kunst und Literatur. Das vorliegende Bild stammt aus der Ch'ing-Zeit (17. Jahrhundert).(Walter Good)
Die Baumpfingstrose, Paeonia arborea, hatte in ihrer originalen Urform eine einfache Aureole von Blütenblättern um ein goldenes Zentrum herum. Doch schon in den kaiserlichen Gärten Chinas der T'ang-Zeit also vor mehr als tausend Jahren wurden verschwenderisch gefüllte Exemplare von Baumpäonien in den verschiedensten Farben gezüchtet. Heute kennen wir hunderte Sorten von Baumpäonien. Der verholzte Stamm kann über Mannshöhe hinauswachsen, während die Blüten zart seiden anzufühlen sind und bisweilen einen bezaubernden Duft verströmen.
Für die alten Chinesen wurde
die Baumpfingstrose nicht nur zu einem hochgeschätzten, verehrungswürdigen
Wahrzeichen des Frühlings, sondern auch zu einem Symbol der Liebe und der
Zuneigung. Sie sahen in ihr die harmonische Verbindung von männlicher Kraft
und weiblicher Schönheit: der beiden Prinzipien von Yang (im Stamm) und
Ying (in der Blüte) aus der Philosophie des Buddhismus. In diesem tiefen
Sinn ist auch unser Baumpfingstrosen-Bild von Yun Shou-p'ing zu verstehen, das
sich im Metropolitan Museum of Art in New York befindet.
Über das äussere Leben des chinesischen Malers Yun Shou-p'ing ist sehr wenig bekannt.
Er wurde 1633 in Wu-Chin in der Provinz Kiangsou im Norden Chinas geboren. Seine Erziehung erhielt er im Tempel Ling-yin-ssu, später bei Verwandten, weil sein Vater als politisch Verfolgter nach Südchina fliehen musste und 1653 Mönch wurde. Yun Shou-p'ing ergriff die Beamten-Laufbahn und wurde wie üblich, um die Gefahr von Protektionen zu umgehen, in weit entfernte Provinzen geschickt. Auf seinen langen und langsamen Reisen lernte er nicht nur die Natur und die Landschaften, sondern auch die Kultur nicht zuletzt die Kunstsammlungen des riesigen chinesischen Reiches kennen. Yun Shou-p'ing zeigte grosses Interesse für Malerei, Kalligrafie und Literatur und entwickelte sich zu einem über den Durchschnitt herausragenden sogenannten "Gelehrten-Maler", das heisst in unserem Sprachgebrauch zu einem Amateur-Maler in der höchsten Bedeutung des Wortes. Er pflegte seine Kunst als Liebhaberei, zum Vergnügen und zur Erholung seiner selbst wie des Betrachters. Die Motive konnte er sich nach eigenem Gutdünken auswählen: so wendete er sich vorwiegend lichten, heiteren, erhebenden Stimmungsbildern zu, während er die Themen der Schattenseite des Lebens, von Krieg, Kampf, Krankheit, Elend, Tod und Vergänglichkeit (alles was wir unter dem Sammelbegriff "Vanitas" zusammenfassen würden) den professionellen Malern überliess, die sich damit ihr Geld und Brot verdienen mussten.
Als Maler studierte Yun Shou-p'ing zunächst die alten Meister und deren Techniken. Doch soll es ihm nicht leicht gefallen sein, sich vorbehaltlos in fremde Stile einzufühlen, wie es die strenge chinesische Kunsttradition erforderte. Immer wieder drängte sich - zu seinem tiefsten Leidwesen - die eigene (in der westlichen Kunst so sehr bevorzugte) Originalität in den Vordergrund. Er bewunderte deshalb den nur um ein Jahr jüngeren Maler Wang-Hui, der eher ein Eklektiker, ein (in unseren Augen weit weniger begabter) Nachahmer war. Mit diesem Wang-Hui, einem Mann von Welt, der in den höchsten Gesellschaftskreisen verkehrte, verband ihn zeitlebens eine anregende und fruchtbringende Künstlerfreundschaft. Sie unternahmen gemeinsame Mal-Touren, tauschten sich geistig aus, und jeder durfte dem andern sogar gewisse Details oder Aufschriften in sein Bild hineinmalen. Beide Freunde zählen zusammen mit drei andern Wang, sowie Wu-Li zu den berühmten sechs Malern der Ch'ing Dynastie, einem Höhepunkt der chinesischen Malerei überhaupt.
Vor seinem relativ frühen Tod im 57. Altersjahr (1690) zog sich Yun Shou-p'ing jedoch immer mehr von der Welt zurück, um in der Stille und Einsamkeit nach den essentiellen Geheimnissen von Leben und Natur zu suchen.
Das malerische Werk von Yun Shou-p'ing zeugt denn auch von einer sehr eigenen und tief innerlich empfundenen Naturliebe. Stilistische Entwicklungsstufen sind kaum auszumachen, höchstens eine zunehmende Verfeinerung und Individualisierung in der Maltechnik, sowie eine gattungsmässige Spezialisierung von der Landschaft zum Blumenbild hin eine Tendenz, der der Malerfreund Wang-Hui ablehnend gegenüber stand, sah er doch (wie lange Zeit auch das Abendland) das Blumen-Stilleben als "genre mineur" an. Yun Shou-p'ing merkt dazu einmal an:
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"Ich war zwar nicht seiner Ansicht und dachte lediglich, die Pinselführung ist beim Malen von Blumen und Landschaften verschieden. Aber im Laufe der Zeit muss ja bei Blumen und Blättern das Handgelenk schwach werden. Eine Blume, ein Blatt! Wie könnte es auch an den Genuss von 1'000 Klippen und 10'000 Schluchten heranreichen!" |
Aber was für Blumen, was für Blätter malte Yun Shou-p'ing! Bambus, Chrysanthemen, Lotos, Monatsrosen, Pfirsich- und Pflaumenblüten und nicht zuletzt Päonien. So sollte er gerade als "Vater der stillebenartigen Blumenmalerei" zu Erfolg kommen und sicher nicht zufällig!
Ein grossartiges Beispiel bietet die Abbildung einer Baum-Pfingstrose von Yun Shou-p'ing.
Sie ist in voller Naturgrösse auf ein Rollbild von (ca. 208 x 105 cm!) gemalt. Solche Bilder wurden in China nur zu bestimmten Zeiten entrollt, wenn der Besitzer und Beschauer eine gewisse Stimmung in sich evozieren wollte: in unserem Fall wohl über ein Moment von frühlingshafter Atmosphäre und Poesie meditieren wollte.
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Baumpäonien von Yun Shou-p'ing |
Auf nur sparsam bewachsenem Unter- und Hintergrund wächst die riesenhafte, mit vielen, voll erblühten, gefüllten Blumen besetzte Baumpäonie scheinbar endlos in die Höhe und den Himmel hinauf. In sein Tagebuch notierte Yun Shou-p'ing einmal bezeichnenderweise:
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"Wenn ich Bäume male, bevorzuge ich die hochgewachsenen mit altem Stamm; ich liebe ihre nach den Wolken strebende Haltung". |
Ebenso greifen ihre Seitenverzweigungen nach allen Richtungen in den freien, offenen Luftraum hinaus. Es gibt auch keinen eingrenzenden Bilderrahmen: der Blick soll den immer feiner sich verjüngenden Verästelungen entlang ungehindert in die Unendlichkeit des Weltenraumes schweifen können. Der umgebende Luftraum wird fast gleich wichtig erachtet wie die materielle Pflanze, die darin ihre Atem-, Entfaltungs- und Lebensmöglichkeit erhält. Der Künstler hat keine Sorge, aus einem "horror vacui" heraus die Fläche zu füllen, eher gibt er seiner Liebe zur "Leere", einem "amor vacui" nach. Das labile Gleichgewicht hält er leicht in Balance mit einigen wenigen kalligrafischen Schriftzeichen und aufgedruckten Siegeln. Tiefen- und Raumwirkung erreicht Yun Shou-p'ing nicht durch perspektivische Zeichnung oder heftige Hell-Dunkel-Effekte und Kontraste (wie sie bei uns seit der Renaissance die Kunstauffassung für Jahrhunderte beherrschte). Er folgt nach seinen eigenen Angaben der "knochenlosen" Malerei des Meisters Hsu Ch'ung-ssu, den er noch kurz vor dessen Tod persönlich kennengelernt hatte. Wie dieser gebraucht er keine konturierende Pinselzeichnung mit schwarzer Tusche, sondern arbeitet allein aus der Farbe heraus: mit feinsten Differenzierungen und Nuancierungen der aus Pflanzen oder Steinen (Mineralien) gewonnenen Grundtönen von Gelb, Blau, Rot und Grün. Um die Brillanz der Farben zu verstärken, kann er gelegentlich auch die Rückseite der äusserst fein gewebten Seidenunterlage bemalen. Deren gazeartige Durchsichtigkeit lässt es auch zu, eine Zeichenvorlage zu unterschieben, sodass keine "Reuezüge" oder Korrekturen den spontan frischen Natur- und Kunsteindruck trüben.
Von den fein geäderten und geschweiften, in diversen helleren und dunkleren Grüntönen gehaltenen, flächig aus- und oftmals auch übereinander gebreiteten, einmal von der Vorderseite, einmal von der Rückseite gezeigten Blättern, heben sich als wohlgesetzte Akzente die enormen, reich gefüllten Blütenmassen mit ihren gekrausten und ausgefransten Petalen ab.
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Baumpäonien von Shou-p'ing (Ausschnitt) |
Erstaunen mag die Kombination von nicht weniger als neun verschieden farbigen weissen, gelblichen, rosa, roten und zartlila Blüten mit herausragenden, perlmutterweiss (aus zerriebenen Muscheln) gehöhten Staubfäden an ein und demselben Pfingstrosenstrauch. Vielleicht geben sie tatsächlich ein Beispiel jener Okulierkunst, die die alten chinesischen Gärtner so meisterlich beherrscht haben sollen? Oder demonstriert der Maler hier seinen gestalterischen Willen, sich nicht kleinlich an ein Naturvorbild zu klammern, sondern uns die enthusiastische künstlerische Vision von der allumfassenden Schönheit der Baumpäonie nahezubringen? Weniger die botanische Naturabschrift als die mit dem Pinsel und leichter, ordnender, "abstrahierender" Hand hingezauberte poetische Essenz des Naturwunders, das sich in der Pfingstrose geheimnisvoll verborgen hält, fasziniert und erfreut den Bildbetrachter bis auf den heutigen Tag. Yun Shou-p'ing soll nicht nur ein begnadeter Maler, sondern auch ein Dichter von begeisternder Phantasie gewesen sein. Um Gefühle auszudrücken, griff er nach seinen eigenen Worten aber am liebsten zum Pinsel.
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Literatur |
Evererr Fahy |
Metropolitan Flowers, New York 1982 |
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Victoria Contag |
Die sechs berühmten Maler der Ch'ing-Dynastie, Leipzig 1940 |
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