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| Der Regenbogen,
griechisch Iris, muss die Menschen seit jeher fasziniert haben. |
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| In der Mytholgie
der alten Griechen war Iris die Götterbotin, die beschwingt über
die Farbbahnen des Regenbogens vom Himmel zur Erde schwebte, um
den Menschen die Botschaften und Wünsche der olympischen Götter
zu überbringen. |
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| Wahrscheinlich
führte eine hübsche Gedankenassoziation vom irisierenden Regenbogen
der Griechen zur lateinischen Bezeichnung für die in allen Farben
schillernde Schwertlilie: botanisch Iris genannt. |
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| Im Mittelalter
entwickelte die christliche Ikonografie für die Iris-Pflanze eine
vielschichtige Symbolik, deren Deutung stark vom Kontext abhängt
und nicht nach einem schematischen Katalog aufgelöst werden kann.
So steht sie einmal für die jungfräulichen Tugenden der Gottesmutter
Maria, ein andermal (oder gleichzeitig) für die Sündenvergebung
durch Jesus Christus ("Portinari-Altar" des Hugo van der Goes, s.
Heft 8). Die typischen steifen und spitz zulaufenden "schwertartigen"
Blätter sollen auf das Gericht am jüngsten Tag hinweisen. |
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| Schliesslich
wird mit den Iris-Blüten, die so leicht und rasch dahinwelken, gerne
auf die "Vanitas", die Eitelkeit und Hinfälligkeit allen irdischen
Lebens, verwiesen ("Vanitas", B. Beham, Heft 11). Doch schon im
Mittelalter, besonders aber in der wissenschaftlich ausgerichteten
Weltsicht der Renaissance, wird die Iris-Pflanze in einem ganz realen
Sinn zu Heil- und Kosmetikzwecken genutzt. Vorzüglich das Wurzel-Rhizom
dient als Grundlage zu allerlei Pulvern, Salben, Ölen und Tinkturen.
Die anthroposophische Pharmazie führt bis heute eine Reihe von kosmetischen
Iris-Pflegeprodukten in ihrem Angebot. In der Anatomie bezeichnet
die Iris die in vielen Farben variierende Regenbogenhaut im Auge. |
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| Mit zunehmender
Säkularisierung des Weltbildes des modernen Menschen verliert auch
die Iris ihre höhere "göttliche" Aura. Der Name ist gerade noch
gut genug für die kommerzielle Werbung in allen Sparten: von Iris-Ansichtskarten
über Iris-Nähseiden und einem Iris-Risk-Management (!) in Zürich
bis hin zu den Iris-Schnellbooten, die an der Expo 2001 auf dem
Bieler- und Neuen-burgersee verkehren sollen. Graphisch "gestylte"
Irispflanzen erscheinen in Hochglanz auf Plastik-Einkaufstaschen.
Ganz zu schweigen von der Regenbogen-Presse, die ihre Klatschsensationen
aus der Gesellschaftsschicht der Reichen und Schönen unter den regenbogenbuntesten
Kopfleisten anpreist. |
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| Die Iris
in der Dichtung |
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| In der Dichtung
wird sowohl die Götter-botin auf dem Regenbogen (s. Heft 12) als
auch die farbenprächtige Iris-Pflanze gerne besungen: von den Vers-Epen
des Homer über die Bibel das Mosesknäblein soll zwischen
Iris gefunden worden sein bis zur Garten-Poesie Chinas und
Japans, etwa in einem melancholisch-musikalischen Haiku: |
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«Im
Klang der Mondlaute neigt sich Koshikibu über die welkende Iris.»
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| Andere Dichter
sehen in der Iris eine "selbstzufriedene Blume, die nur mit sich
selbst beschäftigt ist" (Pavel Florenski: Meinen Kindern); sie vergleichen
sie mit einem "reglosen blauen Falter, der am Stiel schwebt" und
"noch in der Nacht schimmert" (Georg Jünger: Iris); und so fort.
Fast jede Lyrik-Anthologie hat weitere Beispiele aufzuweisen. |
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| Die Hochblüte
erreichte das Motiv der Iris sicher in der Dichtung und Kunst des
Jugendstils. Die dekorativen Regenbogenfarben sowie die elegant
geschwungenen, geäderten und gerüschten Blü-tenblätter verlocken
zu schmuckvollen Ornamenten; und der komplexe Blütenaufbau (der
Dom!) lässt tiefste Geheim-nisse erahnen. Koloman Moser, Mitbegründer
der Wiener (Hand-) Werkstätten und Allroundkünstler, philosophiert
in der einschlägigen Jugendstilzeitschrift "Ver Sacrum" 1898: |
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Sieben
Billionen Jahre vor meiner Geburt
war ich eine Schwertlilie
Unter meinen schimmernden Wurzeln
dreht sich ein anderer Stern
Auf seinen dunkeln Wassern schwamm
meine blaue Riesenblüte.
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| In seiner
tiefsinnig-rührenden, gefühlvollen Wahrheitssuche wäre endlich noch
das Märchen "Iris" des grossen Gärtners und Schriftstellers Hermann
Hesse zu nennen (handgeschrieben und illustriert von Peter Dorn
in einer Lizenzausgabe des Suhrkamp-Verlags Frankfurt a. M., 1990). |
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| Wieder zurück
in die geistige Welt, woher die Götterbotin gekommen war, führt
Brigitte Nitschke: "Iris, ein Kind des Lichts" (Horus-Buch, Volketswil). |
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| Die Iris
in der Malerei |
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In der Malerei bringen
von wenigen Ausnahmen abgesehen (vgl. Heft Nr. 8)
erst die niederländischen "Blumisten" des Barockzeitalters das
Motiv der Iris zu breiterer Darstellung. Der christlich-ikonographische
Hintersinn tritt allmählich zurück, ebenso schwindet der wissenschaftlich-botanische
Forschungszweck, dem etwa noch Albrecht Dürer (1471 bis 1528)
mit wunderbarer Aufmerksamkeit nachgegangen war (vgl. Heft 2):
die farbige und formale Schönheit der Iris beginnt sich gleichsam
frei und um ihrer selbst willen zu entfalten. Die markanten, steifen
Stengel mit mehreren Blüten ragen meist aus einem üppigen Arrange-ment
mit Lilien, Nelken, Rosen, Tulpen, Päonien etc. hervor, die sich
in einer prunkvollen Vase präsentieren. Blumen-Spezialisten wie
Jan Breughel der Ältere, Jan van Huysum oder auch Rachel Ruysch,
die stellvertretend für viele andere Namen stehen (vgl. Hefte
4, 9, 10, 26), erreichten in ihrem Metier eine solche
stupende Meisterschaft, die kaum mehr zu übertreffen war. Bei
ihren späteren Nachfahren läuft das Können denn auch auf blosse
Routine und eine gefällige Dekoration hinaus.
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| Erst im
19. und im beginnenden 20. Jahrhundert erhält das Blumen-Thema in
der europäischen und amerikanischen Kunst wieder neue Impulse. Nicht
das akribisch genaue, fotografische Abbild ist gefragt, sondern
die persönliche Interpretation, der subjektive Ein- oder Ausdruck
kommt zum Zug bis hin an die Grenzen der Abstraktion. Iris-Bilder
von Manet, Monet, Van Gogh, Beckmann und Paula Modersohn oder Georgia
O'Keeffe sind nur einige Beispiele (vgl. Hefte 3, 10, 11), die durch
ihre individuelle Auffassung von Sujet und Pinselschrift begeistern.
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| Helen
Dahm (18781968) |
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| Diese Schweizer
Malerin wurde hier schon mit einem Malvenbild vorgestellt (vgl.
Heft 9). Malven, Riesenkerbel, Lilien, Gladiolen und eben auch Iris
wuchsen in einem wahrhaft urwaldähnlichen Dickicht im geliebten
Garten von Helen Dahm gleich neben dem alten Bauernhaus in Oetwil
am See im Kanton Zürich, das sie lange Jahre bewohnte. Aus diesem
wild wuchernden Garten bezog sie vor allem im Alter immer wieder
Kraft und Inspiration für ihre Kunst. |
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| Wenn im
Winter die Weihnachtszeit mit den langen Nächten und dunkeln Tagen
kam, dann malte sich die Künstlerin kurzerhand ein buntes Blumenparadies
auf die Fensterscheiben: mit Pinsel, Spachtel und auch schon einmal
mit den blossen Fingern. Von da war es für die an maltechnischen
Experimenten stets interessierte Helen Dahm nicht mehr weit zu unserem
um 1945 entstandenen Hinterglasgemälde. |
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| Hinterglasgemälde
mit blauen Iris |
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| Vor nächtlich
schwarzem Hintergrund wächst eine kräftige, reich verzweigte Iris-Pflanze
vom untern Blattrand frei empor und füllt die gesamte Bildfläche
nach allen Seiten restlos aus. Keine "stilvolle" Vase schränkt das
vegetative Wachstum ein! Über den schwertförmig auf- und auseinanderstrebenden
Blättern sitzen im oberen Bilddrittel dicht ge-drängt mehrere sattblaue
Iris-Blüten mit strahlend goldgelben Bärten, die wie helle Lichtquellen
hervorleuchten. Die Blumen sind nicht kleinteilig-detailliert gezeichnet,
vielmehr grosszügigzupackend als Farbflächen mit wenigen Farbtönen
zusammengefasst. Weil das Glas die Ölfarbe nicht gleichmässig angenommen
hat, ergeben sich innerhalb der flächigen Farbkompartimenten von
Blatt und Blüten verschiedene fleckenartige Strukturen. Sie verleihen
der Pflanze ein unerwartetes Eigenleben und sie scheinen schon
auf den Tachismus vorauszuweisen, den Helen Dahm noch in hohem Alter
in abstrakten Kompositio-nen aufgenommen hat. |
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| Durch die
Malerei hinter Glas "entziehen" sich die Schwertlilien gleich-sam
der direkten, emotionalen Bezie-hung zum Betrachter: Helen Dahm
weiss damit ihren "Blauen Iris" etwas von dem distanzierten kühlen
Stolz, der Zurückhaltung und geheimnisvollen Uner-forschlichkeit
mitzuteilen, die diesen Stauden gemeinhin eignet. |