Iris – ideale Partner der Päonien

Historische Schwertlilien
Dr. Milan Blazek (CR)

Fragen rund um
die Iris germanica
Dr. Milan Blazek (CR)

Aus den Anfängen
der Iris-Züchtung
Susanne Weber (D)

Züchterportraits
Historischer Iris
Susanne Weber (D)

Pflanzung und Pflege
Historischer Iris
Susanne Weber (D)

Züchtungen aus
England
Susanne Weber (D)

Züchtungen aus Deutschland I
Susanne Weber (D)

Züchtungen aus
Frankreich I
Susanne Weber (D)

Züchtungen
aus den USA I
Susanne Weber (D)

Züchtungen aus Deutschland II
Susanne Weber (D)

Züchtungen aus
Frankreich II
Susanne Weber (D)

Züchtungen
aus den USA II
Susanne Weber (D)

Schwertlilien
Karl Foerster (D)
Die Iris-Sammlung
in Brüglingen

Susanne Weber (D)
Leben mit Gartenblumen und ohne sie
Karl Foerster (D)

Im Zeichen der Iris – von der Götterbotin zur Werbeträgerin
Dr. Iris Burgdorfer (CH)

Iridaceen Irisgewächse Die Iris aus anthropo-sophischer Sicht
Werner Simonis, (D)
Mit Götterbotin durch
die Jahrhunderte

Walter Good, (CH)
     
                                                          Gallerie Historischer Iris
                                                          
Walter Good (CH)

Im Zeichen der Iris – Von der Götterbotin zur Werbeträgerin
Dr. Iris Burgdorfer, Zürich

 
Der Regenbogen, griechisch Iris, muss die Menschen seit jeher fasziniert haben.
 
In der Mytholgie der alten Griechen war Iris die Götterbotin, die beschwingt über die Farbbahnen des Regenbogens vom Himmel zur Erde schwebte, um den Menschen die Botschaften und Wünsche der olympischen Götter zu überbringen.
 
Wahrscheinlich führte eine hübsche Gedankenassoziation vom irisierenden Regenbogen der Griechen zur lateinischen Bezeichnung für die in allen Farben schillernde Schwertlilie: botanisch Iris genannt.
 
Im Mittelalter entwickelte die christliche Ikonografie für die Iris-Pflanze eine vielschichtige Symbolik, deren Deutung stark vom Kontext abhängt und nicht nach einem schematischen Katalog aufgelöst werden kann. So steht sie einmal für die jungfräulichen Tugenden der Gottesmutter Maria, ein andermal (oder gleichzeitig) für die Sündenvergebung durch Jesus Christus ("Portinari-Altar" des Hugo van der Goes, s. Heft 8). Die typischen steifen und spitz zulaufenden "schwertartigen" Blätter sollen auf das Gericht am jüngsten Tag hinweisen.
 
Schliesslich wird mit den Iris-Blüten, die so leicht und rasch dahinwelken, gerne auf die "Vanitas", die Eitelkeit und Hinfälligkeit allen irdischen Lebens, verwiesen ("Vanitas", B. Beham, Heft 11). Doch schon im Mittelalter, besonders aber in der wissenschaftlich ausgerichteten Weltsicht der Renaissance, wird die Iris-Pflanze in einem ganz realen Sinn zu Heil- und Kosmetikzwecken genutzt. Vorzüglich das Wurzel-Rhizom dient als Grundlage zu allerlei Pulvern, Salben, Ölen und Tinkturen. Die anthroposophische Pharmazie führt bis heute eine Reihe von kosmetischen Iris-Pflegeprodukten in ihrem Angebot. In der Anatomie bezeichnet die Iris die in vielen Farben variierende Regenbogenhaut im Auge.
 
Mit zunehmender Säkularisierung des Weltbildes des modernen Menschen verliert auch die Iris ihre höhere "göttliche" Aura. Der Name ist gerade noch gut genug für die kommerzielle Werbung in allen Sparten: von Iris-Ansichtskarten über Iris-Nähseiden und einem Iris-Risk-Management (!) in Zürich bis hin zu den Iris-Schnellbooten, die an der Expo 2001 auf dem Bieler- und Neuen-burgersee verkehren sollen. Graphisch "gestylte" Irispflanzen erscheinen in Hochglanz auf Plastik-Einkaufstaschen. Ganz zu schweigen von der Regenbogen-Presse, die ihre Klatschsensationen aus der Gesellschaftsschicht der Reichen und Schönen unter den regenbogenbuntesten Kopfleisten anpreist.
 
Die Iris in der Dichtung
 
In der Dichtung wird sowohl die Götter-botin auf dem Regenbogen (s. Heft 12) als auch die farbenprächtige Iris-Pflanze gerne besungen: von den Vers-Epen des Homer über die Bibel – das Mosesknäblein soll zwischen Iris gefunden worden sein – bis zur Garten-Poesie Chinas und Japans, etwa in einem melancholisch-musikalischen Haiku:
 
«Im Klang der Mondlaute neigt sich Koshikibu über die welkende Iris.»
 
Andere Dichter sehen in der Iris eine "selbstzufriedene Blume, die nur mit sich selbst beschäftigt ist" (Pavel Florenski: Meinen Kindern); sie vergleichen sie mit einem "reglosen blauen Falter, der am Stiel schwebt" und "noch in der Nacht schimmert" (Georg Jünger: Iris); und so fort. Fast jede Lyrik-Anthologie hat weitere Beispiele aufzuweisen.
 
Die Hochblüte erreichte das Motiv der Iris sicher in der Dichtung und Kunst des Jugendstils. Die dekorativen Regenbogenfarben sowie die elegant geschwungenen, geäderten und gerüschten Blü-tenblätter verlocken zu schmuckvollen Ornamenten; und der komplexe Blütenaufbau (der Dom!) lässt tiefste Geheim-nisse erahnen. Koloman Moser, Mitbegründer der Wiener (Hand-) Werkstätten und Allroundkünstler, philosophiert in der einschlägigen Jugendstilzeitschrift "Ver Sacrum" 1898:
 
Sieben Billionen Jahre vor meiner Geburt
war ich eine Schwertlilie
Unter meinen schimmernden Wurzeln
dreht sich ein anderer Stern
Auf seinen dunkeln Wassern schwamm
meine blaue Riesenblüte.
 
In seiner tiefsinnig-rührenden, gefühlvollen Wahrheitssuche wäre endlich noch das Märchen "Iris" des grossen Gärtners und Schriftstellers Hermann Hesse zu nennen (handgeschrieben und illustriert von Peter Dorn in einer Lizenzausgabe des Suhrkamp-Verlags Frankfurt a. M., 1990).
 
Wieder zurück in die geistige Welt, woher die Götterbotin gekommen war, führt Brigitte Nitschke: "Iris, ein Kind des Lichts" (Horus-Buch, Volketswil).
 
Die Iris in der Malerei
 

In der Malerei bringen – von wenigen Ausnahmen abgesehen (vgl. Heft Nr. 8) – erst die niederländischen "Blumisten" des Barockzeitalters das Motiv der Iris zu breiterer Darstellung. Der christlich-ikonographische Hintersinn tritt allmählich zurück, ebenso schwindet der wissenschaftlich-botanische Forschungszweck, dem etwa noch Albrecht Dürer (1471 bis 1528) mit wunderbarer Aufmerksamkeit nachgegangen war (vgl. Heft 2): die farbige und formale Schönheit der Iris beginnt sich gleichsam frei und um ihrer selbst willen zu entfalten. Die markanten, steifen Stengel mit mehreren Blüten ragen meist aus einem üppigen Arrange-ment mit Lilien, Nelken, Rosen, Tulpen, Päonien etc. hervor, die sich in einer prunkvollen Vase präsentieren. Blumen-Spezialisten wie Jan Breughel der Ältere, Jan van Huysum oder auch Rachel Ruysch, die stellvertretend für viele andere Namen stehen (vgl. Hefte 4, 9, 10, 26), erreichten in ihrem Metier eine solche stupende Meisterschaft, die kaum mehr zu übertreffen war. Bei ihren späteren Nachfahren läuft das Können denn auch auf blosse Routine und eine gefällige Dekoration hinaus.

 
Erst im 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert erhält das Blumen-Thema in der europäischen und amerikanischen Kunst wieder neue Impulse. Nicht das akribisch genaue, fotografische Abbild ist gefragt, sondern die persönliche Interpretation, der subjektive Ein- oder Ausdruck kommt zum Zug – bis hin an die Grenzen der Abstraktion. Iris-Bilder von Manet, Monet, Van Gogh, Beckmann und Paula Modersohn oder Georgia O'Keeffe sind nur einige Beispiele (vgl. Hefte 3, 10, 11), die durch ihre individuelle Auffassung von Sujet und Pinselschrift begeistern.
 
Helen Dahm (1878–1968)
 
Diese Schweizer Malerin wurde hier schon mit einem Malvenbild vorgestellt (vgl. Heft 9). Malven, Riesenkerbel, Lilien, Gladiolen und eben auch Iris wuchsen in einem wahrhaft urwaldähnlichen Dickicht im geliebten Garten von Helen Dahm gleich neben dem alten Bauernhaus in Oetwil am See im Kanton Zürich, das sie lange Jahre bewohnte. Aus diesem wild wuchernden Garten bezog sie vor allem im Alter immer wieder Kraft und Inspiration für ihre Kunst.
 
Wenn im Winter die Weihnachtszeit mit den langen Nächten und dunkeln Tagen kam, dann malte sich die Künstlerin kurzerhand ein buntes Blumenparadies auf die Fensterscheiben: mit Pinsel, Spachtel und auch schon einmal mit den blossen Fingern. Von da war es für die an maltechnischen Experimenten stets interessierte Helen Dahm nicht mehr weit zu unserem um 1945 entstandenen Hinterglasgemälde.
 
Hinterglasgemälde mit blauen Iris
 
Vor nächtlich schwarzem Hintergrund wächst eine kräftige, reich verzweigte Iris-Pflanze vom untern Blattrand frei empor und füllt die gesamte Bildfläche nach allen Seiten restlos aus. Keine "stilvolle" Vase schränkt das vegetative Wachstum ein! Über den schwertförmig auf- und auseinanderstrebenden Blättern sitzen im oberen Bilddrittel dicht ge-drängt mehrere sattblaue Iris-Blüten mit strahlend goldgelben Bärten, die wie helle Lichtquellen hervorleuchten. Die Blumen sind nicht kleinteilig-detailliert gezeichnet, vielmehr grosszügigzupackend als Farbflächen mit wenigen Farbtönen zusammengefasst. Weil das Glas die Ölfarbe nicht gleichmässig angenommen hat, ergeben sich innerhalb der flächigen Farbkompartimenten von Blatt und Blüten verschiedene fleckenartige Strukturen. Sie verleihen der Pflanze ein unerwartetes Eigenleben –und sie scheinen schon auf den Tachismus vorauszuweisen, den Helen Dahm noch in hohem Alter in abstrakten Kompositio-nen aufgenommen hat.
 
Durch die Malerei hinter Glas "entziehen" sich die Schwertlilien gleich-sam der direkten, emotionalen Bezie-hung zum Betrachter: Helen Dahm weiss damit ihren "Blauen Iris" etwas von dem distanzierten kühlen Stolz, der Zurückhaltung und geheimnisvollen Uner-forschlichkeit mitzuteilen, die diesen Stauden gemeinhin eignet.

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